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Im Gespräch
Autor
Olga Vaulina, RBTH

Tobias Voss: „Ein Buch hat immer zwei Seiten“

Der Leiter für internationale Märkte der Frankfurter Buchmesse über die Eigenheiten des russischen Marktes, Geld und Politik

RBTH: Herr Voss, im November finden in Russland gleich zwei Buchmessen statt, die Krasnojarsker und die Non-Fiction-Messe in Moskau. Sie nennen sich zwar, genauso wie die Frankfurter Buchmesse, „international“, aber viele ausländische Gäste wissen gar nicht, worauf sie sich vorbereiten sollen. Warum haben diese Projekte eine geringere Reichweite?

Tobias Voss: Neben diesen beiden Messen gibt es in Russland noch die Moskauer Internationale Buchmesse auf dem Allrussischen Ausstellungszentrum (WWZ) und den Buchsalon in Sankt Petersburg. Und hierin liegt ein Teil des Problems: Russland hat eben vier internationale Messen. Das Ganze verteilt sich etwas.

Es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu. Überlegen Sie, was Verlage hier in Frankfurt eigentlich tun – es geht nicht nur um die Literatur selbst, sondern vor allem auch um Übersetzungslizenzen. In unserem Agentenzentrum sitzen über 600 Agenten an Tischen und verhandeln die gesamte Messezeit im halbstündlichen Takt über Rechte und Lizenzen.

Das geht natürlich nur, wenn die Rechte entweder bei einer Agentur oder bei einem Verlag liegen. In Russland wie in vielen Ländern Mittelosteuropas ist die Situation aber so, dass viele Rechte noch bei dem Autor sind. Und das macht die Verhandlungssituation etwas schwierig, denn wenn ich zum Beispiel mit einem deutschen Verlag nach Moskau komme und mich für bestimmte Lizenzen interessiere, dann muss ich erst einmal herausfinden, wie ich den Autor direkt ansprechen kann.

Zum Dritten wäre es schön, wenn russische Verlage sich auf der Frankfurter Buchmesse selbst präsentieren und ihr Angebot an russischer Literatur, grade von jungen und neuen Stimmen in der reichen Literaturszene vorstellen würden. Viele Verleger aus Russland sind leider nur als Fachbesucher und nicht mit einem Stand vertreten: Da ist es selbst für interessierte ausländische Verlage schwer, neue und spannende Autoren zu entdecken.  

Aber wollen wir die Sache nicht überdramatisieren, schließlich haben 2013 ja doch 150 Titel aus Russland ihren Weg nach Deutschland gefunden. 

Foto: Alexander Heimann / Frankfurter Buchmesse

Wo wir gerade bei Übersetzungslizenzen sind, es gibt in Moskau das Deutsche Buchinformationszentrum (BIZ), zu dessen Aufgabe unter anderem auch der Aufbau eines Netzwerks zwischen deutschen und russischen Verlagen gehört. Erleichtert das die Zusammenarbeit zwischen den Ländern?

Das BIZ ist eine Non-Profit-Organisation, mit der wir dank Unterstützung durch das deutsche Auswärtige Amt, aber auch unser eigenes Unternehmen, der Ausstellungs- und Messe GmbH, Kulturarbeit machen. Das Buch hat ja immer zwei Seiten: eine ökonomische und eine kulturelle. Und ein Grund, warum Frankfurt so wichtig ist, ist eben, dass wir beide Seiten sehr ernst nehmen. Mit dem BIZ laden wir zum Beispiel russische Verleger nach Deutschland ein, um sie mit deutschen Verlagen auch abseits der Buchmesse miteinander bekannt zu machen und so neue Kontakte herzustellen.     

Es gibt noch eine Seite des Buches – die politische. In den vergangenen Jahren standen russischsprachige Autoren immer wieder im Fokus: 2013 bekam Swetlana Alexijewitsch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, dieses Jahr wird ganz viel über die ukrainische Autorin Katja Petrowskaja geschrieben. Sind ihre Bücher einfach zum richtigen Zeitpunkt erschienen oder liegen die Gründe ihres Erfolgs woanders?

Da müssen Sie besser diejenigen fragen, die diese Preise verleihen. Meiner Meinung nach allerdings ist es kein Geheimnis, dass die Beziehungen zwischen einigen Ländern Europas und Russland momentan angespannt sind. Aber gerade in schwierigen Zeiten muss die Zivilgesellschaft auf beiden Seiten Kontakt halten. Einerseits ist das der Grund, warum bestimmte Autoren heute im Blickpunkt stehen.

Andererseits gibt es ja auch Autoren, die hier bereits bekannter sind. Eines meiner Lieblingsbücher der letzten Jahre ist „Das Phantom des Alexander Wolf“ von Gaito Gasdanow. Russische Literatur hat in Deutschland schon viele Anhänger.

Aufbau in den Hallen: Zwischen Ekstase und Routine. Foto: Alexander Heimann / Frankfurter Buchmesse

Da stimme ich Ihnen zu. Aber manchmal wundere ich mich über die Auswahl, die deutsche Verlage treffen.

Ich wundere mich auch manchmal, wenn ich schaue, welche Titel aus Deutschland in die USA oder nach Frankreich kommen. Das wäre oftmals auch nicht meine Wahl. Aber das ist der freie Markt. Es geht ja auf dem Buchmarkt nicht darum, ein vollständiges Russlandbild im akademischen Sinne zusammenzustellen, sondern verschiedene Facetten in unserem Kontext aufzuzeigen. Der russische Autor mit seinem deutschen Buch muss ja hier funktionieren und seine Leserschaft finden.  

Dazu kommt noch etwas anderes: Es ist mittlerweile gemeinhin schwierig, von einer Nationalliteratur eines Landes zu sprechen. Wenn wir beispielsweise Autoren aus Lateinamerika oder Afrika einladen, sagen diese: Ich stehe nicht für mein Land, ich habe nur meine Geschichte zu erzählen...

Das Thema der Nationalliteratur wurde in diesem Jahr im Weltempfang der Messe diskutiert. Wofür ist dieser Bereich der Messe gedacht?

Wir veranstalten den Weltempfang zusammen mit dem Auswärtigen Amt, sind aber in der Themenwahl frei und präsentieren keine fertig ausgearbeiteten Thesen, sondern versuchen, Diskussionen mit verschiedenen Standpunkten - bewusst auch außereuropäischen - darzustellen und in den Dialog zu bringen. Literaten, Architekten und Soziologen haben dieses Mal Herausforderungen in Megastädten als Schwerpunkt diskutiert. Es kamen darüber hinaus aber auch viele andere Themen, wie die Anglisierung des europäischen Raums sowie die Konflikte in der Ukraine und in Syrien zur Sprache.

Dieses Jahr ist sehr ereignisreich gewesen: der Ukraine-Konflikt, der IS-Terror, der Ebola-Ausbruch sowie die Konflikte in Karabach, Aserbaidschan und Armenien. Warum haben Sie vor diesem Hintergrund ein so neutrales Schwerpunktthema gewählt?

Wie können Sie das Thema Megacities neutral nennen, beispielsweise schon die Infrastruktur ist doch ein eminent politisches Thema! Wenn ich nach Moskau reise, sitze ich genauso lange im Flieger, wie ich mit dem Taxi in die Innenstadt fahre. Das ist doch verrückt! Da will ich sicher nicht noch einmal nach Moskau fliegen. (lacht). Aber Spaß beiseite – wir bereiten unsere Themen schon im Januar desselben Jahres vor und können daher nicht tagesaktuell sein. Wir arbeiten für das Programm mit über 40 Organisationen zusammen und wollen mit ihnen die Themen professionell für das Publikum aufbereiten: das braucht seine Zeit. 

Ein Showevent in der Showküche: Der Ehrengast 2014 Finnland kocht mit Vodka. Foto: Marc Jacquemin / Frankfurter Buchmesse

Sie sind für die Ehrengäste der Messe zuständig. Dieses Jahr wurde Finnland eingeladen. Woher stammt diese Tradition?

Diese Tradition gibt es schon seit einer langen Zeit. Wir haben damit Mitte der Siebzigerjahre angefangen und zunächst einfach ein Hauptthema vorbereitet, beispielsweise Kinderbuch, Afrika, im Jahr 1984 Orwell und die Frage der Überwachung. Seit 1987 kommen wirkliche Gastländer zu uns. Inzwischen bereiten sie ihren Auftritt selbst vor.

Was braucht man, um Gastland zu werden?

Im Grunde genommen geht es um drei Punkte: Im Gastland sollte es einen lebhaften und engagierten Buchmarkt geben, auch mit internationaler Wirkung; es sollte ein Land sein, das für das allgemeine, aber auch für das Fachpublikum interessant ist; und – ganz wichtig – es muss eine gut funktionierende Übersetzungsförderung geben, und zwar nicht nur für den deutschen, sondern für den weltweiten Markt, also in alle verschiedenen Sprachen.   

INFO:

2014 fand die Frankfurter Buchmesse zum 66. Mal statt. Über 7 300 Aussteller aus über 100 Ländern präsentierten sich an fünf Tagen, vom 8. bis 12. Oktober, und organisierten über 4 000 Veranstaltungen. Die nächste Frankfurter Buchmesse findet vom 14. bis 18. Oktober 2015 statt. Indonesien kommt als Gastland nach Frankfurt am Main. 

2018 wird Georgien, ein Land mit einem relativ jungen Buchmarkt, zu Gast sein. Gilt das, was Sie eben sagten, auch für dieses Land?

Uns ist es ganz wichtig, große und kleine Länder zu präsentieren. Vor drei Jahren war bei uns Island zu Gast und das war meines Erachtens einer der besten Auftritte, die wir je hatten.

Georgien hat nun ein neues Übersetzungsinstitut gefördert und ist sehr engagiert. Eine aus  Georgien stammende Schriftstellerin, die heute in Deutschland lebt, Nino Haratischwili, hat grade ein Epos über sechs Generationen in Georgien geschrieben. Es wurde von der Presse als eines der fünf wichtigsten Bücher des deutschen Buch-Herbstes ausgestellt.

Die Frankfurter Buchmesse läuft nur an fünf Tagen im Jahr. Was machen Sie die übrige Zeit?

Wir bereiten nicht nur diese Messe vor, was an sich schon kein Kinderspiel ist. Wir sind außerdem auf etwa 18 anderen Buchmessen unterwegs, die nicht nur in Deutschland stattfinden, wir veranstalten Konferenzen und Fortbildungen, laden ausländische Verleger nach Deutschland ein und vieles mehr. Und damit sind wir im ganzen Jahr gut beschäftigt.

Das Gespräch führte Julia Shevelkina

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