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Im Gespräch
Autor
Raisa Barasch, Julia Shevelkina

Polina Scherebzowa: „Meine Heimat gibt es nicht mehr“

In „Polinas Tagebuch“ verarbeitet die Autorin die Schrecken der Tschetschenien-Kriege.

„Russian Journal“: „Polinas Tagebuch“ steht in einer Reihe mit mehreren Büchern moderner russischsprachiger Autoren, in denen der Krieg in Tschetschenien aus der Perspektive einfacher Menschen beschrieben wird. Niemand schien damals eine Vorahnung vom Krieg gehabt zu haben. Ist die heutige gegenseitige Abneigung von  Russen und Tschetschenen eine Folge der Politik?

Polina Scherebzowa: In meiner Weltanschauung gibt es keine Zu- oder Abneigung zwischen Russen und Tschetschenen. Es gibt gewisse Erfahrungen, die gemacht worden sind und die von den Menschen, die unter die Mühlsteine des Kriegs gekommen sind, überlebt werden müssen. Meine Erfahrung ermöglichte es mir, das, was ich in meinem Umfeld erlebt habe, unvoreingenommen aufschreiben zu können.

Polina Scherebzowa "Polinas Tagebuch". Rowohlt Verlag, 2015. 576 S. 

In unserer Familie gab es niemanden, der eine bestimmte Ethnie einer anderen vorgezogen hätte. Dasselbe galt auch für die Religionen. Es gab keine Vorlieben, kein Beharren auf einer bestimmten Idee. Einen Ehrenplatz in unserem Haus hatten drei Bücher: die Tora, die Bibel und der Koran, als Zeichen des Respekts  gegenüber unseren Ahnen, die jeweils unterschiedliche Religionen ausübten.

Was die Verschlechterung der Beziehungen zwischen den beiden Ethnien betrifft, so kann ich sagen, dass mir etwas Derartiges bis zum Ausbruch des Ersten Tschetschenien-Krieges unbekannt war. Die Menschen lebten miteinander, feierten ihre Feste zusammen, teilten die Freuden und das Leid.

Warum existiert dann heute diese gegenseitige Abneigung zwischen Russen und Tschetschenen?

Der erste der Kriege war noch von einem Funken Menschlichkeit durchzogen. Die russischen Soldaten und die Aufständischen, die die Stadt verteidigten, tauschten oft Gefangene aus, halfen einander, waren freundlich zueinander. Während der Kämpfe warfen sie einander Zigaretten und Schokoladentafeln zu und banden sogar Steine daran, damit sie weiter flogen. Die Kommandeure schimpften vergeblich – die meisten wollten keinen Krieg führen.

Doch langsam begannen beide Völker, als sie immer tiefer in den Sog des Krieges gerieten, ihr menschliches Antlitz zu verlieren. Die Verluste auf beiden Seiten mehrten sich. Kinder verloren ihre Eltern, jemand verlor einen Sohn im Krieg, der Bruder eines anderen starb und schon zog auch der jüngere Bruder in den Krieg …

Nach dem Zweiten Tschetschenienkrieg riskierte man den Rauswurf oder eine Tracht Prügel, wenn man in öffentlichen Verkehrsmitteln Russisch sprach. Die verbliebenen Russen in Tschetschenien änderten ihren Namen, trugen fortan große Tücher und sprachen Tschetschenisch. Der Hass zwischen den Völkern war auf dem Höhepunkt angelangt.

"30. Dezember 1994

Mansur ist fünf Jahre älter als ich. Bei ihm zu Hause schlugen Granaten ein. Die Wand fiel um. Jetzt wohnen sie bei uns. ... Wir schlafen abwechselnd auf dem Sofa. Panzer fahren auf der Straße und schießen. Mama hat einen Weihnachtsbaum geholt. Neujahr!"

Das Zitat wurde dem "Polinas Tagebuch" von Rowohlt Verlag (2015) entnommen. Die Leseprobe des Romans finden Sie hier

Hat sich Ihre Ansicht über die Gründe für den Krieg in Tschetschenien verändert? Welche Gründe gab es Ihrer Meinung nach 1994, 1996 und 1999, und wie beurteilen Sie diese heute?

Obwohl ich Gewalt von beiden Seiten erfahren habe – das russische Militär zerbombte meine Stadt und verletzte mich, die Tschetschenen verfolgten mich wegen meines russisch klingenden Namens – ist meine Meinung unverändert: Die Gründe für diese Kriege waren Fehler der Regierung. Sie wollte dieses Territorium besetzen, um an wertvolle Rohstoffe, insbesondere an Erdöl, heranzukommen.

Wie reagierten die Menschen in Tschetschenien auf das Abkommen von Chassawjurt (1996)? War es wichtig, dass die Kampfhandlungen aufhörten?

Viele einfache Menschen haben sich gefreut, sie haben getanzt und Lieder gesungen. Doch der Abzug des Militärs ist nicht friedlich verlaufen. Bewaffnete Tschetschenen schossen auf die abrückenden russischen Soldaten. Diese feuerten mit Panzern in die Höfe von Wohnhäusern. Ich erinnere mich an viele Opfer unter der Zivilbevölkerung.

Sie haben gesagt, dass Sie nie wieder nach Tschetschenien zurückkehren wollen. Was bedeutet Heimat heute für Sie?

Ich bin Mystikerin und glaube nicht, dass etwas ohne Grund geschieht. Meine Heimat war das Vorkriegs-Tschetschenien, in dem einfache Menschen gelebt haben, die keinen Streit hatten, wo Kinder gespielt haben. Es gab viele mutige und ehrliche Menschen. Das heutige Tschetschenien ist ein mir völlig fremder Ort, rot vom Blut Tausender Kinder und getränkt von Todesangst. Das ist keine Heimat mehr.

Das Interview führte Raisa Barasch für „Russian Journal“.

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