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Literatur
Autor
Sabine Berking

Närrisches Land

In seiner Erzählung „Der irdische Kelch“ kritisiert Michail Prischwin die Zerstörung des russischen Bauerntums infolge der Revolution.

Das Schloss hatte wahrlich bessere Zeiten gesehen, als der Dorfschullehrer Alpatow im Jahr 1919 hier seinen Dienst als Leiter eines noch zu erschaffenden „Museums des Gutslebens“ antritt.  Vom Gutsleben war wenig geblieben. In den einst stattlichen Räumen des Schlosses nisten sich ein Kinderheim, eine Dorfschule und immer neue Kommissionen – Rajkoms, Ispolkoms oder Politkoms ein. Wehmütig sieht sich der Lehrer im Turgenjew- Zimmer um, wo eine einsame Dame mit weißer Blume als Bildnis an der Wand vom alten Glanz zeugt. Der neue Staat zahlt ihm kein Gehalt und so

Michail Prischwin. Der irdische Kelch. Aus dem Russischen von Eveline Passet. Mit Nachworten von Eveline Passet und Ilma Rakusa. Goggolz Verlag Berlin 2015, geb., 170 Seiten.

muss Alpatow des Specks und der Fastenbutter wegen, einem Bauernmädchen auch noch Französischunterricht erteilen, wiewohl sie die Muttersprache kaum richtig beherrscht.

Von der vielgepriesenen Einheit von Intelligenz und Volk ist keine Spur. Die Bauern geben den intellektuellen Revolutionären die Schuld an der postrevolutionären Miesere und versorgen klammheimlich den alten Baron, der sich im Wald versteckt, mit Lebensmitteln. Die halbgebildeten Parteifunktionäre hingegen pressen die letzte Krume aus den Bauern, und wer nicht zahlen kann, der wird im Verschlag eingesperrt und erfriert in der elenden Kälte. Als Alpatow von einer  kostenlosen Sauerkrautzuteilung  erfährt, macht er sich auf einen kilometerlangen Marsch in die Stadt.

Gibt es ein närrischeres Land als Russland, fragt ihn ein zufälliger Reisebegleiter, so groß und doch ist nie genug von allem da. Kaum, antwortet der Lehrer, der von den Heilslehren der Bibel ebenso wenig hält wie von der neuen Revolutionsideologie. Sauerkraut wird Alpatow nicht bekommen und die Geschichte nimmt ein schlimmes Ende.

 

Naturliebhaber aus der Opposition

Michail Prischwin, das Alter Ego Alpatows, ist den russischen Lesern als genauer und einfühlsamer Beobachter der Natur bekannt. 1873 als Sohn eines Kaufmanns im Gouvernement Orjol geboren, studierte er später Landwirtschaft, unter anderem auch in Riga, Leipzig und Jena. Danach arbeitete er über viele Jahre als Dorflehrer, Museumskustor und Bibliothekar. Auf seinen ausgedehnten Reisen durch Russland sammelte er sein Material, das er später in seinen Erzählungen, seinem autobiographischen Roman „Die Kette des Kastschej“ und der langen Erzählung „Ginseng“ verarbeitete. Während des ersten Weltkrieges war er Korrespondent verschiedener Zeitungen und konnte sich später auch als Fotograph einen Namen machen. Nachdem er kurz nach der Revolution inhaftiert worden war, tat Prischwin sich kaum mehr als politischer Autor hervor. Sein Thema blieb die Natur. Nachdem in Russland in den neunziger Jahren sein Hauptwerk – seine umfangreichen Tagebücher – unzensiert erscheinen konnten, änderte sich die Perspektive auf den 1954 in Moskau verstorbenen Schriftsteller.

Nach dem Ersten Weltkrieg machte sich Prischwin einen Namen als Fotograf. Auf dem Bild: Der Abbau der Glocke des Sagorsker Klosters am 9. Januar 1930. Foto: Prischwin-Museum in Dunino / Lilia Rjazanowa

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Wie auch in der nun auch auf Deutsch vorliegenden und in Russland erst 2004 unzensiert publizierten Erzählung „Der irdische Kelch“ war Prischwin ein radikaler Kritiker der Zerstörung des russischen Bauerntums in Folge der Revolution und der Kollektivierung. Dabei lag ihm jedoch jede Idealisierung der Bauern, wie sie sich etwa bei Tolstoi findet, fern. Seien Helden erfrieren oder bleiben im Schneesturm stecken, ein von Puschkin bis Wladimir Sorokin durchgängiges Motiv der russischen Literatur.

Die jetzt in einer wunderschönen bibliophilen Ausgabe im Goggolz Verlag erschienene Prischwin Erzählung aus dem Jahr 1922 liest sich als bitterböse Satire im Stile Saltykow-Schtschedrins und basiert doch auf autobiographischem Erleben aus dem Jahr 1922, als der Autor in ähnlicher Mission auf einem Gut in der Nähe von Saratow gegen die Mühlen der neuen sowjetischen Bürokratie gearbeitet hat. Eveline Prasset hat Bestes gegeben, die urwüchsige Sprache der russischen Bauern, die kantige der neuen Funktionäre und die sprachgewaltige Beschreibung der russischen Natur dem deutschsprachigen Leser zu vermitteln. Der Russe, das russische Volk, das für Prischwin nichts als ein Ergebnis jahrhundertelanger Völkerwanderungen ist, erscheint am Ende als ein sich im unwirtlichen Skythien verlierender Hellene, immer zur falschen Zeit am falschen kalten Ort.

 

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