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Literatur
Autor
Elena Tschetkowa

Moderne russische Lyrik von und für Frauen: Von Gott, Krieg und Liebe

Fünf zeitgenössische russische Dichterinnen, die Sie kennen sollten.

„Ich bin keine Dichterin, sondern ein Dichter!“, schrieb Marina Zwetajewa an ihren Freund, den Literaturwissenschaftler Jurij Iwask im Jahre 1934. Die russische Frauenlyrik wurde in Literaturkreisen zwar bereits im 19. Jahrhundert zu Kenntnis genommen, stand jedoch auf einer Stufe mit Billets-doux, den kurzen Liebesbotschaften. Gegen diese Verharmlosung der Frauendichtung wehrten sich zwei der bedeutendsten Vertreterinnen russischer Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts, eben Marina Zwetajewa und Anna Achmatowa. Von den männlichen Kollegen anfangs belächelt und oft kritisiert, erkämpften sie sich ihren Platz in den Kreisen der damals von Männern dominierten Poesie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg widmete sich die Frauendichtung vor allem dem im Krieg Erlebten und dem Gedenken der Gefallenen. Olga Bergholz mit ihren Poemen vom belagerten Leningrad oder Julia Drunina mit ihren Gedichten zum Gedenken an ihre Waffenschwester sind herausragende Beispiele dafür. Zu Sowjetzeiten durfte jedoch längst nicht alles gedruckt werden. So entstand in den 1960er- und 1970er-Jahren ein poetischer Untergrund.

 

Elena Schwarz: Die Mystikerin

Die Gedichte von Elena Schwarz waren bis zu Beginn der 1990er-Jahre nur unter der Hand zu bekommen. Foto: PhotoXpress

Aus dem poetischen Untergrund stammte beispielsweise Elena Schwarz (1948-2010). Ihre Gedichte waren bis zu Beginn der 1990er-Jahre nur unter der Hand zu bekommen. Ihr erster Gedichtband erschien 1985 im Ausland, in New York. Das Hauptthema ihrer Gedichte ist die Suche eines Menschen und Dichters nach seinem Platz in der Welt. Schwarz vereint verschiedene Religionen, historische Fakten, Realität und Mystik in einem. Bilder und Symbole stehen in ihren Gedichten immer im Vordergrund. Sie illustrieren keinesfalls den Hauptgedanken, sondern sind das Sujet selbst. So wie in einem der berühmtesten ihrer  Gedichte, „Das Blumentier“ von 1976:

Ich werde violett und purpurrot,

ich werde golden, gelb und schwarz, von summend

um mich rotierendem Gewölk bedroht.

Mein Gott, mein Gott, und wenn ich dann verblühe

und meine Hülle platzt, was wird aus mir? –

Bloß ein zerstochener Klumpen: Ich verglühe:

ein welkes und erschöpftes Blumentier.

„Ihre Gedichte galten als schwer verständlich und allzu metaphorisch. Man setzte sie daher mit den Dichterinnen des Silbernen Zeitalters in Verbindung“, bemerkt der Literaturwissenschaftler Alexander Kobrinskij. Erst Ende der 1990er-Jahre begannen russische Literaturzeitschriften, sich mit ihren Gedichten auseinanderzusetzen.

 

Olga Sedakowa: Die Gläubige

Foto: PhotoXpress

Die Werke der Philologin, Theologin und literarischen Übersetzerin Olga Sedakowa (*1949) wurden erst ab 1989 in der Sowjetunion veröffentlicht. Einige Jahre zuvor gab es bereits eine Veröffentlichung eines Gedichtbandes in Paris. Heute sind ihre Werke auf Englisch, Französisch, Deutsch, Chinesisch und Hebräisch erhältlich. Sedakowa wendet sich in ihren Gedichten stets an einen Gott, der ein Leben lang leitet und hilft:

Elende, elende Leute!

Böse sind sie wohl nicht, nur in Eile:

essen Brot – und werden noch hungriger,

trinken – und der Wein macht sie nüchterner.

Hätte mich einer gefragt,

würde ich sagen: Herrgott,

mache mich zu irgendwas Neuem! 

Sedakowa ist mehr als eine Dichterin. Ihre Stimme erhebt sie auch zu gesellschaftlichen Themen. Sie war eine der wenigen Künstler, die sich öffentlich negativ zur russischen Reaktion auf die Ereignisse auf dem Kiewer Majdan  äußerten und gegen die TV-Propaganda protestierten. So erklärte sie: „Wir alle – diejenigen russischen Bürger, die sich vor den Folgen der militärischen Handlungen auf der Krim fürchten – fühlen uns nun hilflos. (...) Aber selbst das ist nicht das Bitterste. Das Schlimmste ist, dass keine Möglichkeit des Dialogs mit den meisten unseren Landsleuten besteht, die niederträchtige Verleumdungen wiederholen, mit denen sie von der offiziellen Propaganda tagtäglich gefüttert werden. (...) Ich bitte sie daher, diese Leute  zu entschuldigen und nicht aufzuhören, darauf zu hoffen, dass Vernunft und geistige Gesundheit irgendwann nach Russland zurückkehren. Nur dann wird der Frieden möglich, um den wir alle Gott den Herrn bitten.“ 

 

Elena Fanajlowa: Die Gesellschaftskritikerin

Fanajlowa sieht sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, grob und drastisch zu sein. Foto: PhotoXpress

In der Lyrik von Elena Fanajlowa (*1962) sind kritische Ansichten der Autorin zu aktuellen politischen und historischen Geschehnissen immer eng mit Liebeserlebnissen verwoben. Ihr Gedicht „Они опять за свой Афганистан...“ (zu Deutsch: „Sie fangen wieder mit ihrem Afghanistan an“) von 2001 handelt von einem Soldaten, der mit mehreren anderen nach Grozny in Tschetschenien geschickt wird. Dieser Handlungsstrang ist verbunden mit der Entwicklung der Beziehung zu seiner Frau. Diese besucht ihn mehrfach an der Front, wird schwanger, treibt ab. Er verroht im Krieg, wird zum Vergewaltiger. Beide werden sie älter. Als sie wieder vereint sind, sind sie vierzig Jahre alt und geprägt von ihren Erfahrungen.

Fanajlowa sieht sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, grob und drastisch zu sein. In ihren Werken ist sie naturalistisch in ihren Beschreibungen, etwa in der von einer einarmigen Frau, die am Strand ihre Prothese ablegt. Sie verwendet auch eine Lexik, die in Russland teilweise als obszön gilt, so heißt es etwa in einem Gedicht: „Ich bin ein leerer Mensch, ein Mistgefäß.“ Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wie auch dieser Satz zeigt: „Meine Nation erweist jeden Tag einen Gruß (…), sie wird täglich als Geisel genommen, tut aber so, als merke sie das nicht.“

 

Wera Pawlowa: Die Liebende  

Die Gedichte von Wera Pawlowa sind wie das Tagebuch eines Mädchens, das zur Frau wird. Foto: Rodrigo Fernandez / Wikipedia.org

Die Gedichte von Wera Pawlowa (*1963) sind Liebeslyrik mit einem klaren erotischen Subtext. Sie sind das Tagebuch eines Mädchens, das zur Frau wird. Sie beschreiben dessen Leben vom Kindesalter an bis zu dem Tag, als die junge Frau ihren ersten Büstenhalter trägt, sich auf ihren ersten Geschlechtsakt vorbereitet oder die erste ernsthafte Liebesbeziehung mit Höhen und Tiefen erlebt. Charakteristisch für Pawlowas Gedichte ist häufig eine Reimlosigkeit und dass sie nur aus wenigen Zeilen bestehen, etwa wie dieses:

Jünglingssexualität. Gibt es etwa eine andere?

Liebeserfahrung. Gibt es denn eine andere?

oder

Zähne geputzt.

Mehr bin ich diesem Tage nicht schuldig.

 

Wera Poloskowa: Der Star aus dem Netz

Musikvideo zum Gedicht von Wera Poloskowa "Abendliche". Quelle: Youtube

Mit ihren 29 Jahren gehört Wera Poloskowa zur jüngeren Generation der russischen Dichterinnen. Das Internet verhalf ihr zum Durchbruch. Ihre ersten Gedichte veröffentlichte sie im LiveJournal unter dem Nickname „Vero4ka“. Dabei handelte es sich um Dialoge zwischen einer Frau und ihrem Geliebten, häufig zum Thema Trennung oder Missverständnisse. Literaturkritiker kritisierten ihre Poesie als naiv und amateurhaft.

Doch Poloskowa liest inzwischen stets vor ausverkauftem Haus. Jeder ihrer Auftritte ist eine sehenswerte Performance. Sie liest ihre Gedichte mit verteilten Rollen, sie präsentiert Videos, mischt verschiedene Kunstformen wie Musik, Kino, Theater und Literatur. 2011 hat sie eine Rockband gegründet, mit der sie ihre Gedichte nun vertont. „Es bringt mich einfach um, wenn jemand mit zitternden Händen auf die Bühne geht und eine ganze Stunde lang seinen Text stotternd vom Blatt abliest und dabei die Endungen verschluckt“, erklärte sie in einem Interview mit der Zeitschrift „Expert“.   

 

*Wir bedanken uns herzlich beim Grupello Verlag, der uns die deutsche Übersetzung des Gedichtes von Elena Schwarz "Das Blumentier" aus dem Jahre 1999 zur Verfügung gestellt hat. 

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