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Sprache
Autor
Alfons Höcherl, für RBTH

Die russische Sprache ist deutscher als man denkt

Die russische Sprache verwendet viele Wörter aus anderen Sprachen. Manche davon haben ihren Ursprung im Deutschen. RBTH nimmt Sie mit auf eine Sprachreise ohne „Cejtnot“.

Die russische Sprache hat im Verlauf ihrer Geschichte des Öfteren Wörter aus anderen Sprachen adaptiert. Aufgrund des umfangreichen russischen Wortschatzes, der dem englischen in nichts nachsteht, führte diese Adaption jedoch keineswegs zu einer Überfremdung. Zumal die überwältigende Mehrheit dieser Entlehnungen russifiziert und in das grammatische System eingefügt worden ist.

Die ersten fremden Wörter – insbesondere niederdeutsche Lexik – kamen im 13. Jahrhundert mit der Ausbreitung der Hanse nach Russland. Einem namhaften Sprachhistoriker zufolge wurden damals mehr als 100 Wörter in den russischen Wortschatz übernommen. Diese Zahl scheint jedoch etwas zu hoch angesetzt. Vor allem wenn man bedenkt, dass der Großteil dieser Wörter aus spezifizierten Bezeichnungen bestand. Eingebürgert haben sich nur wenige Begriffe, wie „bot“ (Boot) und „jachta“ (Jacht). Etwas später tauchte in Russland auch das Wort „rynok“ (Markt, Marktplatz) auf, der sich wahrscheinlich von dem polnischen Wort „rynek“, ableitet. Der Ursprung dieses polnischen Wortes geht vermutlich auf das deutsche Wort „Ring“ (die Märkte waren ringförmig angelegt) zurück. Und auch das Wort „Jarmarka“ (Jahrmarkt) taucht seit Mitte des 17. Jahrhundert in der russischen Sprache auf und bezeichnet einen mobilen Rummel oder Bauernmarkt.

Bergbau förderte neue Wörter zutage

Im 17. Jahrhundert wurden Bergbauspezialisten aus Österreich zum Erzabbau nach Russland geholt. Sie brachten neben ihrer Erfahrung auch ihr Werkzeug und ihre Fachterminologie mit. Aus letzterer wurden Wörter wie „schachta“ (Bergwerk), „schachtjor“ (Bergmann), „schtol’nja (Stollen) oder „kajlo“ (Keil) ins Russische übernommen. Andere Termini sind zwar in den zeitgenössischen Definitionswörterbüchern aufgeführt, dem fachfremden Russen dürften sie aber kaum etwas sagen: markschejder“, „tigel'“, „mergel'“.  Dasselbe gilt auch für viele Fachwörter wie „nagel'“ oder „krejcmejsel“, die aus anderen Handwerken stammen und seit der Zeit Peter des Großen zahlreich zu finden sind.

Viele Bezeichnungen sind jedoch so fest in der russischen Sprache verankert, dass es für sie keine Synonyme gibt: Zum Beispiel „galstuk“ (Halstuch, Krawatte, Binder), „parikmacher“ (Perückenmacher, Friseur), „schtab“ ([General-]stab), „fel'djeger', „potschtamt“ (Postamt), „fakel“, „schlagbaum“ (Schranke, Schlagbaum), „losung“, „junga“ (Schiffsjunge), „ciferblat“, „schpion“ (Spion), „schrift“ (Schriftart), „schtuka (Stück, zur Angabe der Anzahl), „schtraf“ (Geldstrafe), „verbovat'“ (anwerben), „bint, bintovat'“ (Binde, Verbandzeug bzw. verbinden), „centner“ (Doppelzentner), “plackarta“ (Platzkarte), „punkt“ (Punkt, nur übertragen, kein Satzzeichen) „bruderschaft; pit' (na) bruderschaft“ (Brüderschaft trinken) und dergleichen mehr. Ein besonders schönes Beispiel der volksetymologischen Phantasie ist das Wort „schlang“, das für Gartenschlauch steht.

Schnicel für den Risenschnaucer

Gewisse Probleme ergeben sich bei der Zuordnung von russischen Entlehnungen, die im Deutschen selbst Fremdwörter darstellen, wie beispielsweise bei „stellasch“ (Stellage, Büchergesteck), „publika“, „portal“. In russischen Wörterbüchern wird hier meist eine deutsche Herkunft angegeben, obwohl eine Übernahme aus einer anderen, oft lateinischen, Sprache wahrscheinlicher ist. Daher sind an dieser Stelle nur diejenigen Wörter angeführt, deren deutsche Ausgangsform etymologisch oder historisch abgesichert ist. Das ist bei „agent“, „procent“, „putsch“, oder „vata“ (Watte) der Fall.

Aus dem kulinarischen Bereich haben es auch einige Wörter ins Russisch-Wörterbuch geschafft: „schnicel'“, „trjufel'“ und der bei vielen Kindern so unbeliebte „schpinat“.

Reichhaltiger ist die Auswahl bei Hunderassen. Neben dem altbekannten Dackel („taksa“) sind auch „langhaar“, „kurchaar“, „drathaar“, „pudel'“, „schpic“, „doberman“, „rotvejler“, und der „risenschnaucer“ verbreitet.

Schließlich gibt es auch Wörter, die aus dem russischen Alltag kaum noch wegzudenken sind: „birscha“ (Börse), „spekulirovat', spekuljant“, „gescheft“ (eine nicht ganz hasenreine Transaktion) sowie „cejtnot“, „pleksiglas“, „disel'“. Und als neueste Errungenschaften: „vunderkind“, „gastarbajter“ und sogar „stagfljacija“ (Stagflation).

Zum Abschluss sei noch eine etwas makabre Anmerkung gestattet: Die braunen Küchenschaben (Blattae) tragen in Russland auch den Namen „prusaki“ (Preussen), während man sie in Deutschland (zumeist im Süden des Landes) auch als „Russen“ bezeichnet. Braucht es noch einen weiteren Beweis, dass hier wie dort dieselbe Denkungsart gilt?

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