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Im Gespräch
Autor
Jelena Bobrowa, RBTH

Daniil Granin: "Hass führt in eine Sackgasse"

Der berühmte russische Schriftsteller Daniil Granin über seinen Frieden mit den Deutschen und die vereinende Kraft universeller Kultur.

Ein Jahr ist es her, seit Daniil Granin, russischer Schriftsteller und Frontsoldat im Zweiten 
Weltkrieg, vor dem deutschen Bundestag sprach. Er erklärte, was die Leningrader Blockade aus der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges für die russische Geschichte und die Geschichte der Welt bedeutet hat. In den ersten Reihen saßen unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. Ob sie ihm damals wirklich zu
gehört haben? Stehen sich die 
beiden Länder nicht bereits wieder auf verschiedenen Seiten gegenüber, wenn auch nicht so wie vor mehr als siebzig Jahren? Wir sprachen mit dem 96-jährigen 
Daniil Granin, einem der ältesten russischen Schriftsteller, der sich im Interview als spitzfindiger 
Beobachter und aufrichtiger Optimist offenbart.

Herr Granin, als Sie im letzten Jahr die Einladung bekamen, vor dem deutschen Bundestag zu sprechen, waren Sie da sofort einverstanden oder hatten Sie Vorbehalte?

Vorbehalte hatte ich keine. Das war ein verlockendes Angebot. Ich empfand eine rein menschliche Neugier. Ich erhielt einen Brief vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert – einen 
sehr freundlichen –, in dem ich gebeten wurde, vor dem Bundestag zu sprechen. Nicht ausschweifend und allgemein, sondern mit konkretem Bezug zur Leningrader Blockade. Ich war sehr gespannt darauf zu erfahren, warum ich ausgerechnet über dieses schmerzhafte Thema sprechen sollte. 

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Und haben Sie nach dem Grund gefragt?

Ja, aber sie wichen der Frage aus. Dennoch glaube ich, es verstanden zu haben: Die Ur
sache liegt darin, dass sie es erneut mit Ansätzen von 
Faschismus zu tun bekommen. Jedenfalls scheint es in Deutschland im Zusammenhang mit dem Aufkommen des „Islamischen Staates" wieder Probleme zwischen den Nationalitäten zu geben. Ich wurde eingeladen, um eine der schrecklichsten Seiten der Kriegsgeschichte mit Leben zu füllen, ganz besonders vor dem Hintergrund, dass die heutige Generation sich nur schlecht vorstellen kann, was eine Blockade ist.

Ein Auftritt in, sagen wir, einer Universität wäre eine Sache. Eine ganz andere ist eine Rede vor dem Bundestag. Im gewissen Sinne ist dies ein sakraler Ort.

In der Tat war die Empfindung merkwürdig und durchaus vielschichtig: ich allein, vor mir ganz Deutschland. Ja richtig, nicht der Bundestag, sondern eben Deutschland. Ich aus dem Leningrad, das einst Hitler vernichten wollte.

Da laufen einem kalte Schauer über den Rücken, oder?

Um meinen Hass gegen die Deutschen zu überwinden, habe ich viele Jahre gebraucht. Doch in Deutschland wurden nahezu alle meine Bücher veröffentlicht, es gab zahlreiche Treffen, Konferenzen – im damaligen Deutschland wie im heutigen –, und ich habe dort viele Freunde gefunden. Vor langer Zeit habe ich verstanden: Erstens ist Hass ein Gefühl, das in eine Sackgasse führt. Zweitens sind auch wir nicht ganz ohne Sünde. Und es heißt ja in der Bibel: Richte nicht, auf dass auch du nicht gerichtet wirst.

Als ich allerdings vor den Mitgliedern des Bundestages stand, 
erwischte ich mich bei dem Ge
danken, dass niemand von ihnen an der Front gewesen war, sie alle waren Kinder und Enkel von Frontsoldaten. Und ich erinnerte mich an meinen ersten Besuch in Deutschland, das war 1955. 
Ich ging durch die Straßen von Berlin, sah Menschen meines Alters und älter und dachte: „Mein Gott, hier treffen sich doch all je
ne, die vorbeigeschossen haben."

Am 27. Januar 2014 hielt Daniil Granin in Berlin eine Gedenkrede zum 70. Jahrestag des Endes der Blockade Leningrads. Foto: Photoshot/Vostock Photo

 

Der legendäre sowjetische Pilot Witalij Popkow erzählte, wie er sich nach dem Krieg recht friedlich mit den Flieger-Assen der Luftwaffe traf. Einem von ihnen schenkte er ein Buch mit der Widmung „Einem ehemaligen Feind, einem wirklichen Freund".

Ja, das hat es gegeben. Ich selbst beispielsweise habe einen Piloten kennengelernt, der an der 
Leningrader Front gekämpft hatte. Später war er mit seinem Sohn bei mir zu Gast. Er war neugierig – er hatte die Stadt bombardiert, sie aber nie wirklich 
besucht. Ich führte ihn durch Leningrad und er hielt nach den Zielen Ausschau, die man ihm befohlenhatte zu zerstören, beispielsweise das Smolny-Institut. Natürlich war seine Reaktion nach unseren Ausflügen eindeutig: „Was für ein Glück, dass wir diese schöne Stadt nicht zerbombt haben!"

Herr Granin, was glauben Sie, warum hat Hitler Leningrad im September 1941 nicht eingenommen,

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obwohl die Stadt einer deutschen Offensive praktisch frei zugänglich gewesen war?

Ich konnte das mit eigenen Augen sehen, als ich mit meinen Kameraden die besetzte Stadt Puschkin verließ. Für Hitler war es prioritär, Leningrad einzunehmen. Er glaubte, Russland würde kapitulieren, wenn diese Stadt fällt. Daher galt Leningrad eine besondere Aufmerksamkeit. Warum also hat Hitler die Stadt dennoch nicht eingenommen? Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es nicht.

Eine der diskutierten Hypothesen ist: Hitler hätte verstanden, dass die Stadt nicht zu vernichten sei. Sie sei viel zu groß gewesen und Panzer hätten auf ihren Straßen nicht manövrieren können. Aber ob das wirklich der Grund für die Unentschlossenheit des Führers war? Unentschlossen war er auf jeden Fall, einige Male war Hitler hier, zögerte, versprach seinen Generälen, die Stadt einzunehmen, „in einer Woche unbedingt". Dennoch hat er den Angriff nicht befohlen. Ich glaube, es war so: Alle Städte Europas kapitulierten vor der Wehrmacht. Hitler wähnte sich unbesiegbar: Wenn seine Armee an die Stadtgrenzen tritt, gibt die Stadt sofort auf. So hat er auch von Leningrad erwartet, dass es die weiße Flagge hisst ...

Ich habe gekämpft, lebte mein ganzes Leben lang mit dem Gefühl, Sieger zu sein, und muss das jetzt jemandem erklären. Dabei habe ich das Recht, dort erhobenen Hauptes zu gehen, und muss mich nicht rechtfertigen...

Als Sie in die Gesichter der deutschen Abgeordneten blickten, glaubten Sie, dass Ihre Erzählung wirklich angekommen ist?

Das würde ich mir wünschen. 
Jedenfalls war ich von ihrem guten Willen, und zwar von einem aufrichtigen, gerührt. Danach bekam ich einen sehr aufgeschlossenen Brief von Frau Merkel. Überhaupt hat sie bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen – eine sehr sympathische Frau, auf eine Weise sogar vertraut.

Heute wäre ein Treffen mit Ihnen im Bundestag kaum möglich. Wendet sich Europa von Russland ab?

Man hat uns schon immer gefürchtet und daher gehasst. Das ist aber auch verständlich. Die Länder Europas lebten und entwickelten sich in einer gegenseitigen Wechselwirkung. Wir Russen hingegen lebten immer ein auf uns selbst bezogenes Leben, die Ausreise aus dem zaristischen Russland war ein großes Problem (bis zur Zeit Peters I. um 1700 gingen die Russen selten auf Reisen, Ende des 18. Jahrhunderts untersagte zeitweise Pawel I. aus Angst vor den Ideen der Französischen Revolution Auslandsreisen, in der Zeit von Nikolaj I. kam ein Auslandsaufenthalt von mehr als fünf Jahren einem Hochverrat gleich – Anm. der Red.). Dennoch kann ich mir Europa ohne Russland nicht vorstellen. Ob es Europa gefällt oder nicht, alle 
bedeutenden Ereignisse im europäischen Leben der letzten Zeit waren mit Russland verbunden.

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Ich würde aber gerne noch etwas anderes sagen. Ungeachtet dieses aktuell zugespitzt-feindseligen Umgangs mit uns lebt Russland gemeinsam mit der Welt weiter. Im Fernsehen sehen wir US-
amerikanische Filme, wir besuchen Ausstellungen europäischer Künstler, lesen Bücher ausländischer Autoren. Wir mögen von den anderen verlacht, verurteilt, vielleicht sogar verdammt werden, doch das betrifft nicht die Kunst. Sie ist universell. Bach ist nicht nur ein deutscher Komponist, so wie Dostojewski nicht nur ein russischer Schriftsteller ist. Vor den Künstlern sind die Türen nicht verschlossen. Ich beispielsweise bleibe weiterhin Mitglied der Deutschen Akademie der Künste und bekam erst vor Kurzem wieder eine Einladung, in Deutschland den Roman „Mein Leutnant" vorzustellen.

Sie haben selbst angemerkt, dass auch wir nicht ganz ohne Sünde sind. So wie man den Deutschen den Faschismus vorhält — ungeachtet all ihrer Reue —, so halten wir uns den Stalinismus vor.

Um den Stalinismus abzuschütteln, war es notwendig, die Archive zu öffnen. Chruschtschow hat zweifelsohne heldenhaft gehandelt, als er den Mut für seinen antistalinistischen Vortrag auf dem XX. Parteitag aufbrachte. Doch notwendig war vor allem eine Analyse: Wie konnte sich 
ein Personenkult in einer derart entstellten Form wie in Deutschlandüberhaupt entwickeln? Obwohl man eines dazusagen muss: Es gibt doch einen Unterschied zwischen der Rassenhasstheorie Hitlers und der kommunistischen Ideologie: Letztere hat an sich nichts Verbrecherisches. Sie enthält, ganz im Gegenteil, einen Traum von Gerechtigkeit.

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