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Autor
Igor Rosin

Ausstellung: Berlins russische Zwanzigerjahre

Als in den 1920er-Jahren die russische Intelligenzija vor der Oktoberrevolution floh, fanden viele Emigranten Zuflucht in Berlin. Eine Ausstellung in der russischen Botschaft erinnert an die Zeit, als die deutsche Hauptstadt zu einem europäischen Zentrum der russischen Kunst und Kultur wurde – zur „Stiefmutter der russischen Städte“, wie der Lyriker Wladislaw Chodassewitsch einst sagte.

In der Schneiderei mit dem Schild „Wir sprechen Russisch“ einen neuen Anzug abholen, beim Verlag „Moskva“ wegen Neuerscheinungen vorbeischauen, einen köstlichen Borschtsch mit Piroggen im Restaurant „Samowar“ genießen und am Abend müde, aber zufrieden beim Ballets Russes landen – „volles Programm hatte ein russischer Emigrant in der deutschen Hauptstadt“, ruft man unwillkürlich aus, wenn man auf die Karte russischer Lokalitäten in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts schaut. Diese Karte aus dem „Reiseführer durch das russische Berlin“ ist neben rund 650 weiteren Exponaten ab Dienstag in der Ausstellung „Das russische Kulturleben im Berlin der 1920er-Jahre“ in der russischen Botschaft Unter den Linden zu sehen.

 

Flucht in die bekannte Fremde

„Nach der Revolution zog die russische Intelligenzija nach Deutschland, um schwierige Zeiten in einer bekannten kulturellen Umgebung zu überbrücken“, erklärt der Kurator der Ausstellung Andrei Tschernodarov. Viele russische Emigranten verschlug es nach Berlin, in der Hoffnung, bald wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Doch nach ein paar Jahren wurde vielen klar, dass die kommunistische Heimat für die meisten versagt blieb. So ließen sich allein in Berlin 400 000 russische Emigranten nieder, die bis Anfang der dreißiger Jahre versuchten, hier Fuß zu fassen. „Das Schicksal einer ganzen Generation spiegeln beispielsweise die ausgestellten Postkarten wieder“, sagt Tschernodarov, der bereits die dritte Ausstellung in der russischen Botschaft zu gemeinsamen Schnittpunkten der deutsch-russischen Geschichte kuratiert.

Den Anlass für das aktuelle Projekt bietet das Jahr der russischen Sprache und Literatur in Deutschland. Mit der Ausstellung wollen die Organisatoren „der Erforschung dieser fruchtbringenden Seite der deutsch-russischen Beziehungen einen neuen Impuls geben“ und ihr zu öffentlicher Aufmerksamkeit verhelfen. „Wir haben es mit einem kulturell-historischen Phänomen der russischen Präsenz in Berlin zu tun“, unterstreicht der Kulturattaché der russischen Botschaft Sergei Maguta und führt aus: „Fast alle bedeutenden russischen Schriftsteller und Künstler des 20. Jahrhunderts lebten vorübergehend hier oder waren zu Besuch in der Stadt. Auf dem Weg in den Westen gelegen, wurde Berlin zur zweiten russischen Hauptstadt in Europa.“

Foto: Eduard Osetschkin

Die Zuggleise aus Russland endeten am Berliner Ostbahnhof. Die Reise durch die Stadt führte weiter nach Westen, nach Charlottengrad, wie damals Charlottenburg von Einheimischen halb im Scherz, aber auch halb im Ernst genannt wurde. Der Kurfürstendamm verwandelte sich in den Kurfürsten-Prospekt, wo man beim Einkaufen Bekannten aus ganz Russland begegnen konnte. „Im damaligen Berlin waren 150 russische Verlage ansässig, die neben russischen Werken der Gegenwart auch Kritiken und russische Klassiker herausgaben“, erzählt Andrei Tchernodarov, während er aus einer Vitrine die „Kleinen Erzählungen“ von Leo Tolstoj und die „Neuen Werke“ von Wladimir Majakowski nimmt und die Bücher durchblättert, bedeutende Zeitzeugen einer vergangenen Epoche, wie er sagt.

Die Ausstellung „Das russische Kulturleben in Berlin der 1920er-Jahre“ ist vom 30. September bis 19. Dezember 2014 in der Botschaft der Russischen Föderation, Unter den Linden 63-65 in Berlin, zu sehen.

Auch der Katalog der ersten russischen Kunstausstellung aus dem Jahre 1922 ist ein wertvolles Ausstellungsstück. „Malerei war ein unentbehrlicher Teil der russischen Kultur in Berlin“, erklärt Tchernodarov: „In der Ausstellung versuchen wir, durch Entwürfe und Zeichnungen die Berliner Werkstatt von Nikolaj Zagrekov, einem russischen Maler, wiederherzustellen.“ Der Vertreter der Kunstrichtung Neue Sachlichkeit wurde zu Zeiten der Weimarer Republik in Deutschland durch Porträts von Friedrich Ebert und Gustav Stresemann bekannt. Im Unterschied zu den meisten russischen Künstlern, die nach einigen Jahren von Berlin aus weiter nach Frankreich oder in die USA zogen, verblieb der Maler und Architekt in der deutschen Hauptstadt. 1952 wurde Zagrekov Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland und starb vierzig Jahre später in Berlin.

 

Der Kreml thront im Hintergrund

Seit 2011 finden in der diplomatischen Vertretung Unter den Linden Ausstellungen statt. „Nicht nur die Ausstellungsstücke, sondern auch das historische Gebäude an sich sind ein großer Anreiz für Besucher“, sagt Andrei Tchernodarov. Bei früheren Projekten seien über 20 000 Menschen gekommen, bis Mitte Dezember sollen es nun mindestens 10 000 Besucher werden. Und in der Tat: Wer sich als Besucher registriert, für eine Führung anmeldet und den Lichtausweis am Eingang vorzeigt, kann die tatsächlich eindrucksvollen Innenansichten des Stalin-Empire-Bauwerkes bewundern. Gekrönt sind die prachtvollen Säle mit Glasmosaiken und dem glänzenden Wappen der Sowjetunion – eben jenem Staat, aus dem die russische Intelligenzija einst nach Berlin geflohen war.

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